Was ist die Pseudomonas-Rindenkrankheit?
Die Pseudomonas-Rindenkrankheit ist eine bakterielle Erkrankung der Rosskastanie, bei der Rinde und Kambium absterben. Das Kambium ist die dünne Wachstumsschicht zwischen Rinde und Holz, über die der Baum jedes Jahr neues Holz und neue Rinde bildet. Erreger ist das Bakterium Pseudomonas syringae pv. aesculi. Der Zusatz „pv.“ steht für Pathovar, also eine Variante des Bakteriums, die auf bestimmte Wirtspflanzen spezialisiert ist.
Beschrieben wurde der Erreger Anfang der 1970er Jahre in Indien, wo er an der Indischen Rosskastanie lediglich Blattflecken verursachte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts trat in den Niederlanden ein ungewöhnlich heftiges Sterben von Rosskastanien im Stadtgrün auf, das mit diesem Bakterium in Verbindung gebracht wurde. Es folgten Nachweise in Belgien, Frankreich, Großbritannien und 2010 in Irland. Nach heutigem Stand gilt das Bakterium als der eigentliche Auslöser, der die Abwehr des Baumes schwächt und den Weg für weitere Schaderreger öffnet.
Seit wann gibt es die Krankheit in Deutschland und NRW?
In Nordrhein-Westfalen wurde der Erreger nach Angaben des Pflanzenschutzdienstes der Landwirtschaftskammer 2006 erstmals nachgewiesen, an weißblühender und an rotblühender Rosskastanie. Die Ausbreitung erfolgte vermutlich mit der Hauptwindrichtung von Westen her.
Für Deutschland insgesamt nennen die Quellen leicht unterschiedliche Jahre: Das Pflanzenschutzamt Berlin gibt den ersten Nachweis an Rosskastanien mit 2007 an, das Julius Kühn-Institut datiert die erste Beschreibung der Krankheit in Deutschland auf 2008. Die schweren Schäden konzentrierten sich zunächst auf Nordwestdeutschland. Dem Pflanzenschutzdienst NRW wurden in den Folgejahren zahlreiche Schäden gemeldet, vor allem von Kommunen mit Kastanienalleen. Eine aktuelle landesweite Erhebung für 2025 oder 2026 haben wir nicht gefunden.
Welche Bäume sind betroffen?
Betroffen sind die Gewöhnliche, weißblühende Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) und die rotblühende Fleischrote Rosskastanie (Aesculus × carnea). Das Berliner Pflanzenschutzamt nennt beide Arten als die häufig gepflanzten Kastanien, an denen die Schäden am stärksten sind. In niederländischen Forschungsprojekten wurden keine weiteren Wirtspflanzen festgestellt. Befallen werden junge Bäume mit bis zu 20 Jahren Standzeit ebenso wie über 60 Jahre alte Bestände.
Woran erkenne ich den Befall?
Das auffälligste Zeichen der Pseudomonas-Rindenkrankheit sind dunkle, nässende Stellen am Stamm, die später verkrusten. Die Symptome sind allerdings nicht eindeutig, weshalb die Tabelle nur Hinweise gibt.
| Merkmal | Wo am Baum | Wann im Jahr |
|---|---|---|
| Kleine, dunkle, blutende Flecken, später verkrustet mit rostfarbenen Flecken oder Streifen | Stamm bis in die Krone, auch Hauptäste | Bluten vor allem im Frühjahr und Herbst bei feuchtem, mildem Wetter |
| Dunkelbraune bis schwarze Verfärbung unter der Rinde | unter den Blutungsstellen | ganzjährig |
| Orange-braune bis rötliche, marmorierte Verfärbung im Holz mit scharfer Grenze zum gesunden Gewebe | Holz unter der abgestorbenen Rinde | ganzjährig, nur nach Öffnen sichtbar |
| Große Risse in der Rinde, abgestorbene Rindenpartien | Hauptstamm | ganzjährig, fortgeschrittenes Stadium |
| Lichte Krone, einseitiges Absterben von Ästen | Krone | Vegetationszeit |
| Pilzfruchtkörper von Folgepilzen | Stamm, Stammfuß | meist Herbst |
Der Pflanzenschutzdienst NRW hat die Schäden am Stamm bis in 5 bis 7 Meter Höhe beobachtet. Die Rinde allein verrät oft nicht, wie groß die abgestorbene Fläche darunter ist.
Womit kann man die Krankheit verwechseln?
Die größte Verwechslungsgefahr besteht mit Phytophthora. Diese pilzähnlichen Erreger verursachen ebenfalls schwarze, oft blutende Flecken, sogenannte Teerflecken, und darunter eine Kambiumnekrose. Phytophthora beginnt meist an Wurzeln und Stammgrund. Bei einem Befall nur im unteren Stammbereich sind beide Krankheiten äußerlich kaum zu trennen. Ein Unterschied: Phytophthora zeigt nicht die für Pseudomonas typische Marmorierung im Holz.
Auch Welkepilze der Gattung Verticillium können ähnliche Schäden hervorrufen. Das Julius Kühn-Institut hält zudem eine Kombination mehrerer Erreger für möglich. Eine sichere Diagnose ist deshalb nur im Labor möglich. Dafür werden kleine Holzstücke aus dem Übergang von krankem zu gesundem Gewebe unterhalb frischer Blutungsstellen entnommen und innerhalb eines Tages untersucht. Ein negativer Befund schließt eine Infektion nicht sicher aus, weil sich das Bakterium nicht zu jeder Jahreszeit zuverlässig nachweisen lässt.
Welche Folgen hat der Befall für Stand- und Bruchsicherheit?
Bei der Pseudomonas-Rindenkrankheit entsteht die Bruchgefahr weniger durch das Bakterium selbst als durch Pilze, die das Holz hinter der abgestorbenen Rinde zersetzen. Nach Angaben des Berliner Pflanzenschutzamtes siedeln sich holzzersetzende Pilze oft schon nach kurzer Zeit an und bauen das Holz schnell ab. Befallene Bäume können innerhalb weniger Jahre absterben oder müssen aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt werden.
Der Pflanzenschutzdienst NRW nennt als Folgepilze unter anderem den Samtfußrübling und den Hallimasch. Besonders an ungünstigen Stadtstandorten führen sie schnell zu Kümmerwuchs und Absterben. Gleichzeitig betont die Kammer, dass ein reiner Pseudomonas-Befall nicht immer zum schnellen Absterben des ganzen Baumes führt. Ihr Fazit: Unabhängig vom eigentlichen Erreger ist die Verkehrssicherheit befallener Bäume gefährdet, Maßnahmen sollten deshalb frühzeitig erfolgen.
Begünstigt wird die Krankheit durch Stress. Genannt werden starker Frost, Trockenheit und große Temperaturschwankungen. Bei weißblühenden Kastanien schwächt zusätzlich die Kastanienminiermotte den Baum, weil sie die Blattfläche stark verringert.
Was sollten Eigentümer tun?
Wenn Sie blutende Stellen an Ihrer Kastanie sehen, sollten Sie den Baum beobachten und fachlich beurteilen lassen. Konkret:
- Dokumentieren: Fotografieren Sie Flecken, Risse und Krone, am besten zu verschiedenen Jahreszeiten.
- Nicht selbst die Rinde aufschneiden. Jede zusätzliche Wunde ist eine Eintrittspforte.
- Verdacht melden: Bei Verdacht empfiehlt das Julius Kühn-Institut, die zuständige Pflanzenschutzdienststelle zu informieren. In NRW ist das der Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer.
- Gefahrenbereich ernst nehmen: Steht die Kastanie an Weg, Straße, Parkplatz oder Haus, sollte die Bruchsicherheit zeitnah geprüft werden. Als Eigentümer tragen Sie die Verkehrssicherungspflicht.
- Laub entfernen: Gegen die Miniermotte hilft das gründliche Beseitigen des Falllaubs im Herbst.
Bei Bäumen in Privatbesitz soll die Entscheidung über Maßnahmen nach Einschätzung des Pflanzenschutzdienstes vom Ausmaß des Befalls abhängen. Ohne Besichtigung lässt sich nicht sagen, ob ein Rückschnitt reicht oder ob gefällt werden muss.
Was tut ein Fachbetrieb?
Ein Fachbetrieb prüft, wie viel Rinde abgestorben ist, ob Folgepilze vorhanden sind und wie stark das Holz schon zersetzt ist. Dazu gehören eine genaue Sichtkontrolle von Stamm und Krone, gegebenenfalls eine Probenahme für das Labor und bei Verdacht auf Holzfäule eine eingehende Untersuchung, etwa mit Schalltomographie. Wann sich ein Baumgutachten lohnt, erklären wir gesondert.
Je nach Befund kommen in Frage: das Entfernen abgestorbener Kronenteile, eine Kroneneinkürzung zur Entlastung, engere Kontrollintervalle oder die Fällung. Für eine Fällung kann je nach Stadt eine Genehmigung nach der Baumschutzsatzung nötig sein, siehe Fällgenehmigung. Aus fachlicher Vorsicht ist es üblich, Sägen und Schnittwerkzeug nach Arbeiten an erkrankten Kastanien zu reinigen und zu desinfizieren. Das ist ein Erfahrungswert, für den wir keine amtliche Wirksamkeitsstudie gefunden haben.
Wie kann man vorbeugen?
Eine direkte Vorbeugung gegen das Bakterium gibt es nicht, wohl aber gegen die Schwächung des Baumes. Der Pflanzenschutzdienst NRW bezeichnet einen verbesserten Standort, vor allem im städtischen Bereich, als Voraussetzung für gutes Wachstum. Dazu gehören ein unverdichteter, gut durchwurzelbarer Boden, ausreichend Wasser in Trockenperioden, keine Verletzungen an Stamm und Wurzeln sowie das konsequente Entfernen des Kastanienlaubs gegen die Miniermotte.
Bei Nachpflanzungen sollten Sie bedenken, dass beide häufig gepflanzten Kastanienarten anfällig sind. Ob an einem stark betroffenen Standort eine andere Baumart sinnvoller ist, lässt sich am besten im Gespräch mit dem Grünflächenamt oder einem Fachbetrieb klären.
Häufige Fragen
Ist eine blutende Kastanie immer mit Pseudomonas befallen?
Nein. Ähnliche Flecken verursachen auch Phytophthora-Arten und Verticillium-Pilze. Eine sichere Diagnose ist nur über eine Laboruntersuchung von Holzproben möglich.
Kann man die Krankheit behandeln?
Nach Angaben des Pflanzenschutzdienstes NRW gibt es weder chemische noch biologische Bekämpfungsmöglichkeiten. Hilfreich ist ein möglichst guter Standort, damit der Baum Befallsstellen abgrenzen kann.
Muss eine befallene Kastanie gefällt werden?
Nicht in jedem Fall. Ein reiner Pseudomonas-Befall führt nicht immer schnell zum Absterben. Ausschlaggebend ist, ob Folgepilze das Holz bereits zersetzen. Das muss eine fachkundige Person am Baum prüfen.
Sind rotblühende Kastanien sicher?
Nein. In NRW wurde der Erreger bereits beim Erstnachweis 2006 sowohl an weißblühenden als auch an rotblühenden Rosskastanien gefunden.
Wo melde ich einen Verdacht?
Beim Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer NRW. Für Straßen- und Parkbäume ist das Grünflächenamt der Stadt der richtige Ansprechpartner.
Quellen
- Julius Kühn-Institut, Dr. Sabine Werres: Rosskastaniensterben im öffentlichen Grün (Abdruck bei der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein)
- Landwirtschaftskammer NRW, Pflanzenschutzdienst: Rosskastaniensterben beunruhigt Baumschulen, Kommunen und Bürger (2013)
- Pflanzenschutzamt Berlin: Pseudomonas syringae pv. aesculi
- Landwirtschaftskammer NRW: Kastanienlaub sorgfältig beseitigen (Pressemeldung 27.09.2012)
Alle Angaben nach bestem Wissen geprüft, ohne Gewähr. Für verbindliche Auskünfte im Einzelfall sind die zuständige Behörde, eine Rechtsanwältin oder ein Steuerberater zuständig.
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