Was ist der Eichenprozessionsspinner?
Der Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) ist ein heimischer, wärmeliebender Nachtfalter, dessen Raupen an Eichen fressen. Seinen Namen hat er von den Raupen, die in langen, anfangs ein- und später mehrreihigen Kolonnen zwischen ihren Ruheplätzen und den Blättern in der Krone wandern.
Für Eichen ist der Fraß meist verkraftbar, weil sie im selben Jahr neu austreiben. Wiederholter Kahlfraß über mehrere Jahre kann die Bäume aber deutlich schwächen. Als Forstschädling spielt die Art nach Einschätzung der Landesregierung NRW eine untergeordnete Rolle. Das eigentliche Problem ist die Gesundheitsgefahr für Menschen und Tiere.
Warum sind die Raupen gefährlich?
Ab dem dritten von sechs Larvenstadien bilden die Raupen tausende winziger Brennhaare, die das Nesselgift Thaumetopoein enthalten. Mit jeder Häutung nehmen Zahl und Länge der Haare zu. Die Haare haben Widerhaken, brechen leicht ab und werden mit dem Wind verweht.
Bei Kontakt können nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) auftreten:
- juckender, nesselartiger Hautausschlag (Raupendermatitis),
- Augenreizungen bis zur Bindehautentzündung,
- Reizungen der Atemwege mit Husten und Atembeschwerden,
- Unwohlsein und pseudoallergische Reaktionen, sehr selten auch schwere allergische Reaktionen bis zum Schock.
Eine spezielle Behandlung gibt es nicht, behandelt werden die Beschwerden. Wie ernst das Problem am Niederrhein werden kann, zeigt eine Zahl aus dem BfR-Fachgespräch von 2012: Im Kreis Kleve wurden 2004 rund 740 Erkrankungsfälle in der Bevölkerung registriert.
Gefährlich sind nicht nur lebende Raupen. Leere Nester, Häutungsreste und Haare, die sich im Unterholz und im Bodenbewuchs ansammeln, bleiben lange giftig. Die Angaben zur Dauer reichen von etwa einem Jahr (Landwirtschaftskammer NRW, 2004) über mehrere Jahre (WSL) bis zu 12 Jahren (BfR/JKI-Fachgespräch 2012).
Wann im Jahr besteht die Gefahr?
Die Gefährdung beginnt mit dem dritten Raupenstadium im späten Frühjahr und dauert durch die Nester bis in den Herbst. Das BfR nennt als Gefährdungszeitraum Mai bis September. Der Ablauf eines Jahres nach Angaben der Landwirtschaftskammer NRW:
| Stadium | Merkmal | Wann im Jahr |
|---|---|---|
| Eier | plattenförmige Gelege an Zweigen in der Krone | August bis April |
| Junge Raupen (1. und 2. Stadium) | fressen gesellig an frisch ausgetriebenen Eichenblättern, noch ohne Brennhaare | Ende April bis Mai |
| Ältere Raupen ab 3. Stadium | Brennhaare, Prozessionen am Stamm | ab Mai |
| Gespinstnester | dicht gesponnene, braune Nester bis etwa 1 m Länge an Stamm und Unterseite dicker Äste | ab Ende Mai, bleiben danach hängen |
| Verpuppung | im Nest | Ende Juni bis Anfang Juli |
| Falter | nachtaktive Falter, Eiablage in gut besonnten Eichenkronen | ab Mitte Juli bis August |
Je nach Witterung verschiebt sich der Ablauf um einige Wochen. Nach einem kühlen, nassen Frühjahr schlüpfen die Raupen später.
Womit kann man ihn verwechseln?
Der Eichenprozessionsspinner wird am häufigsten mit Gespinstmotten verwechselt, deren Raupen für Menschen harmlos sind. Gespinstmottenraupen sind hellgrau mit schwarzen Punkten, unbehaart und leben in hellen, schleierartigen Gespinsten, die ganze Sträucher oder Bäume überziehen können. Der wichtigste Unterschied: Gespinstmotten kommen an vielen Gehölzarten vor, der Eichenprozessionsspinner fast nur an Eichen. Seine Nester sind kompakt, braun und kleben am Stamm oder unter dicken Ästen.
Die Forschungsanstalt WSL nennt außerdem behaarte Raupen anderer Arten wie Goldafter oder Schwammspinner als mögliche Verwechslung. Die typischen Prozessionen und Nester an Eichen sind dagegen kaum zu verwechseln.
Wer ist in NRW zuständig?
Für die Beseitigung des Eichenprozessionsspinners ist in NRW grundsätzlich der Grundstückseigentümer zuständig. So hat es die Landesregierung NRW 2021 in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Landtag dargestellt. Die Landwirtschaftskammer NRW nennt neben dem Eigentümer auch den Nutzer der Fläche.
Im Einzelnen gilt:
- Privatgrundstück: Eigentümer oder Nutzer beauftragen eine Fachfirma und tragen die Kosten.
- Öffentliches Grün, Schulen, Spielplätze, Friedhöfe: Melden Sie den Befall dem Ordnungsamt oder dem Grünflächenamt der Stadt. Dort werden die Schutzmaßnahmen geplant.
- Überregionale Straßen: Hier ist der Landesbetrieb Straßenbau NRW im Rahmen seiner Verkehrssicherungspflicht zuständig.
- Wald: Der Befall gilt als waldtypische Gefahr, deren Risiken Waldbesucher hinnehmen müssen. Eine Bekämpfung organisieren Waldbesitzer gegebenenfalls selbst.
Stellt ein Befall eine akute Gesundheitsgefahr dar, kann die kommunale Ordnungsbehörde die Beseitigung anordnen. Die Kosten trägt dabei grundsätzlich der Eigentümer. Die Landesregierung nannte 2021 Kosten von über 500 Euro je Baum als möglich, abhängig von Verfahren, Baumgröße, Zahl der Nester und Erreichbarkeit mit Hubarbeitsbühnen. Das ist ein Anhaltswert, kein Preis; verbindlich ist erst ein Angebot nach Besichtigung.
Warum sollten Sie Nester nie selbst entfernen?
Wer ein Nest selbst abschlägt, abflammt oder mit dem Haushaltsstaubsauger angeht, wirbelt die Brennhaare auf und verteilt sie in Garten, Kleidung und Wohnung. Das BfR beschreibt das Absaugen von Einzelbäumen als Arbeit für Spezialisten mit Vollschutz und Maske. Auch die WSL empfiehlt, Nester im Siedlungsraum nur von Fachleuten mit Schutzausrüstung entfernen zu lassen.
Bis die Fachfirma kommt, sollten Sie:
- den Bereich unter dem Baum meiden und Kinder sowie Haustiere fernhalten,
- dort keinen Rasen mähen, nicht laubblasen und keine Gartenarbeit machen,
- weder lebende noch tote Raupen, neue oder alte Nester berühren und Abstand halten,
- nach möglichem Kontakt Kleidung und Schuhe wechseln und waschen, damit die Haare nicht in die Wohnung gelangen.
Die letzten beiden Punkte empfiehlt zum Beispiel das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin. Die ersten beiden sind Erfahrungswerte aus der Praxis, weil Mähen und Laubblasen die Haare aufwirbeln.
Wie bekämpft eine Fachfirma den Befall?
Fachfirmen setzen je nach Zeitpunkt und Lage mechanische oder biologisch-chemische Verfahren ein. Im Siedlungsbereich ist das Absaugen der Gespinstnester das wichtigste Verfahren. Es ist aufwendig, weil jeder Baum einzeln behandelt wird, meist von einer Hubarbeitsbühne aus. Die abgesaugten Nester werden verschlossen entsorgt.
In den ersten beiden Larvenstadien, also witterungsabhängig in einem kurzen Zeitfenster von April bis Ende Mai, können auch Biozide wirken. Ihr Einsatz im Siedlungsbereich richtet sich nach dem Biozidrecht. Der Landesbetrieb Straßenbau NRW hat seit 2017 an Straßenbäumen das biologische Mittel Bacillus thuringiensis eingesetzt und zusätzlich Fadenwürmer und Nistkästen für Vögel als natürliche Gegenspieler erprobt. Spezielle Fallen erwiesen sich dort als nicht praxistauglich.
Wie ist die Lage in NRW?
Der Eichenprozessionsspinner ist in den tieferen Lagen Nordrhein-Westfalens weit verbreitet, die Hochlagen bleiben bisher weitgehend frei. Erstmals trat er nach Angaben der Landwirtschaftskammer NRW 2001 zwischen Kevelaer und Geldern am Niederrhein auf und erreichte wenig später die rechte Rheinseite. Nach den trocken-heißen Sommern 2018 bis 2020 konnte er sich stark vermehren.
Der Landesbetrieb Straßenbau NRW meldete 2021 Befall in allen seinen Niederlassungsbezirken. Ausgenommen waren lediglich einige Höhenlagen im Sauer- und Siegerland, im Bergischen Land und in der Eifel. In der zugrunde liegenden Landtagsanfrage werden die tieferen Lagen von Niederrhein, Rheinland und Münsterland als besonders betroffen genannt. Seit 2018 fragt der Landesbetrieb Wald und Holz NRW jedes Jahr bei den Kommunen das Vorkommen ab. Im Wald waren die Fraßschäden 2025 laut Waldzustandsbericht NRW nur gering.
Veröffentlichte Befallszahlen für Hagen und einzelne Ruhrgebietsstädte haben wir nicht gefunden. Wenn Sie wissen wollen, ob es in Ihrer Nähe Befall gibt, fragen Sie bei Ihrem Ordnungs- oder Grünflächenamt nach, siehe auch die Ortsübersicht.
Wie kann man vorbeugen?
Gegen den Eichenprozessionsspinner beugen Eigentümer am wirksamsten vor, indem sie ihre Eichen ab Ende April auf junge Raupen und kleine Gespinste kontrollieren. Je früher ein Befall erkannt wird, desto eher kann eine Fachfirma noch vor dem dritten Larvenstadium eingreifen, wie es das BfR empfiehlt. Wer Eichen an Wegen, Spielflächen oder Terrassen hat, sollte sie in die regelmäßige Baumkontrolle einbeziehen. Natürliche Gegenspieler wie Vögel wirken zwar, nach Einschätzung des BfR aber zu langsam, um eine Massenvermehrung aufzuhalten.
Häufige Fragen
Wer muss den Eichenprozessionsspinner auf meinem Grundstück entfernen?
Grundsätzlich Sie als Grundstückseigentümer, nach Angaben der Landwirtschaftskammer NRW auch der Nutzer der Fläche. Bei einer akuten Gesundheitsgefahr kann die kommunale Ordnungsbehörde die Beseitigung anordnen; die Kosten trägt dann in der Regel ebenfalls der Eigentümer.
Wen rufe ich bei Nestern an einer Straße oder im Park an?
Befall im öffentlichen Grün melden Sie dem Ordnungsamt oder dem Grünflächenamt Ihrer Stadt. Für überregionale Straßen ist in NRW der Landesbetrieb Straßenbau zuständig.
Kann ich ein Nest selbst abflammen oder absaugen?
Davon ist dringend abzuraten. Die Brennhaare lösen sich leicht, werden aufgewirbelt und verteilen sich. Fachleute arbeiten mit Vollschutz und Atemschutzmaske und saugen die Nester mit Spezialgeräten ab.
Wie lange bleiben die Brennhaare gefährlich?
Die Angaben schwanken. Die Landwirtschaftskammer NRW nannte etwa ein Jahr, die Schweizer Forschungsanstalt WSL spricht von mehreren Jahren. In einem Fachgespräch von BfR und JKI wurde eine Gefährdung von bis zu 12 Jahren nach dem Befall eines Gebietes genannt.
Was tue ich nach Kontakt mit den Haaren?
Kleidung und Schuhe wechseln und waschen, damit die Haare nicht in die Wohnung gelangen. Bei Beschwerden ärztliche Hilfe suchen und dabei den möglichen Kontakt mit dem Eichenprozessionsspinner erwähnen. Duschen und Haarewaschen sind naheliegend, werden in den von uns geprüften Behördenquellen aber nicht ausdrücklich genannt.
Muss ich im Wald Angst haben?
Im Wald gilt der Eichenprozessionsspinner nach Auffassung der Landesregierung NRW als waldtypische Gefahr, die Besucher hinnehmen müssen. Meiden Sie dort befallene Eichen und abgesperrte Bereiche.
Quellen
- Landtag NRW, Drucksache 17/14340: Antwort der Landesregierung zur Entwicklung des Eichenprozessionsspinner-Befalls (25.06.2021)
- Landwirtschaftskammer NRW, Pflanzenschutzdienst: Eichenprozessionsspinner
- Landwirtschaftskammer NRW: Gefahr durch giftige Raupenhaare (Pressemeldung 25.05.2004)
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Ökologische Schäden, gesundheitliche Gefahren und Maßnahmen zur Eindämmung des Eichenprozessionsspinners (Fachgespräch BfR/JKI 2012)
- Waldschutz Schweiz (WSL), Diagnose online: Eichenprozessionsspinner
- Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin: Gefährdung der Gesundheit durch den Eichenprozessionsspinner (Pressemitteilung 02.06.2026)
- Landwirtschaftskammer NRW: Starkes Auftreten von Gespinstmottenraupen (Pressemeldung 13.06.2013)
- Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz NRW: Waldzustandsbericht 2025, Langfassung
Alle Angaben nach bestem Wissen geprüft, ohne Gewähr. Für verbindliche Auskünfte im Einzelfall sind die zuständige Behörde, eine Rechtsanwältin oder ein Steuerberater zuständig.